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Klettern in den Südtiroler Dolomiten

Hast du auch mal davon geträumt, einen Kletterkurs zu wagen? Wir waren für dich im Grödental in den Südtiroler Dolomiten und haben es ausprobiert. Unser Fazit: Es gibt nichts Besseres, um den Kopf frei zu kriegen und alle Sorgen zu vergessen. Einen Gipfel zu bezwingen macht unfassbar stolz und glücklich. Manchmal sollte man sich einfach etwas trauen! Sieh selbst!

Große flauschige Wattewolken ziehen eilig um die rauen Gipfel der Dolomiten im noch spärlichen Morgenlicht, dazwischen blitzt ein tiefblauer Himmel hervor. Unser Guide, die in Gröden gebürtige Christina Demetz (48), schlüpft in die enge Kabine der kleinen Steh-Gondel. Die Bergbahn mit den schmalen Zweierkabinen stammt aus den 60ern Jahren und bremst nicht – man muss reinhüpfen. Das fängt ja gut an! Heute gehen wir zum ersten Mal einen Klettersteig. Es ist der Oskar Schuster Klettersteig, er führt auf den Gipfel des Plattkofel auf 2964 Meter und liegt über dem Talort St. Christina – einer der drei Orte des Grödentals neben St. Ulrich und Wolkenstein.

Als geübte Skifahrer und Wanderer bringen wir alpine Erfahrung mit – aber Klettern?

Wie kann man seine Angst überwinden, wenn es richtig steil wird und der Abgrund bedrohlich unter einem lauert? Alle Sorgen zerfließen mit der Euphorie bei diesem Anblick: Unter uns zieht die „Steinerne Stadt“ vorbei, eine betörend schöne Felsenlandschaft, gespickt mit Fichten und Tannen zu Füßen einer der schönsten Berggruppen der Welt, der Langkofelgruppe. Bizarre steinerne Riesen, die mit ihren gezackten Gipfeln in den Himmel ragen. Vom Sellajoch, dem Startpunkt der Tagestour, schweben wir hoch bis zur Toni-Demetz-Hütte. In Wanderschuhen und Kurzarmshirt stapfen wir los, keine Zeit verlieren, lautet die goldene Kletter-Regel! Früh aufbrechen, zeitig absteigen. Dann geht es in Kurven über einen schmalen Weg ins Langkofelkar hinab. Durch Schotter und Gestein – links und rechts rahmen hohe Felswände die Ebene, die karge Szenerie erinnert an eine Mondlandschaft. Herrlich!

Unten sticht das grüne Tal hervor wie eine lockende ferne Oase

Vorbei geht der Weg an der Langkofelhütte, den Markierungen folgend, führt uns der Weg bergauf ins Plattkofelkar – nach der Durchquerung eines Schneefeldes gelangen wir zum sogenannten Einstieg in den Klettersteig. Hier wird er ernst: Wir haken uns mit beiden Karabinern an ein Stahlseil in der Felswand, tragen ein Klettergeschirr mit Gurten um Beine und Bauch, an denen zwei Seile befestigt sind. „Einfach kraxeln wie ein Kind. Mach ganz natürliche Bewegungen“, ermutigt Christina und steigt flink und überaus geschickt voraus.
Zuerst haben die Augen Mühe, Tritte im Stein zu erkennen und die natürlichen Griffe, die der Berg bietet. Aber es geht, hochziehen und erneut nach Halt suchen, was besser klappt als gedacht. Nebel steigt auf und versperrt die Sicht nach unten. Nach jeder Etappe müssen wir unsere Seile wieder neu einhängen. Man ist beim Klettern doppelt gesichert. Ein Seil verbleibt, das andere wird in den nächsten Abschnitt eingehakt – erst dann folgt das zweite nach, sodass man zu keinem Zeitpunkt ungesichert im Berg steht. Wenn man ein kleines Plateau erreicht hat, gibt es eine kurze Pause. Durchatmen.

Über manche Hürde geht es ohne Sicherung, aber dafür entlohnt die Aussicht

Das Hakelige an diesem Klettersteig ist, dass nicht alle Abschnitte mit Seilen versehen sind. Über manche Hürde muss man ohne steigen. Dafür ist man in diesen Passagen nie völlig dem Abgrund ausgesetzt. Dennoch: Es kann einen schon leichte Panik erfassen – unter uns fällt der Berg steil ab, darüber thront ein schier unüberwindbarer Brocken. „Seitlich  einsteigen, der linke Fuß zuerst, dann den rechten nachziehen…“ Ihre Anweisungen rauschen in meine Ohren, ich schaffe es nicht, denke ich. Das Problem beim Klettern: Es geht immer aufwärts, ein Zurück gibt es nicht.
Und dann nimmt man all seinen Mut zusammen, atmet tief durch und findet eine Vertiefung, die den Fuß hält, auch die Hände klammern sich in den erstaunlich griffigen Stein, und dann geht es fast wie von selbst, als würde sich eine Blockade lösen. Im Berg und in einem selbst. „Da geht doch, so geschickt wie eine Berggämse“, scherzt Christina. Wir lachen erleichter. Geschafft. Ein tolles Gefühl, auch wenn die Knie zittern!

Der Gipfel des Glück – unser Mount Everest Moment

Einmal geht es in einem Kamin eine Eisenleiter empor, zweimal noch stehen wir ratlos vor einer Steigung und lassen uns von Christinas Stimme anleiten – und beruhigen. „Gleich sind wir am Gipfel, dann haben wir’s geschafft“, sagt sie nach zwei Stunden Aufstieg. „Gut gemacht!“ Schnaufend folgen wir ihr über eine Bergkuppe. Dann taucht das Gipfelkreuz vor uns auf, mit Fähnchen behängt, die im Wind flattern. Wow! Die Wolken schweben um den Gipfel, während wir den Blick schweifen lassen – über die grüne Seiseralm und die Berge ringsum – atemberaubend!
Der Abstieg zieht sich, die Schuhe suchen festen Stein zwischen Geröll und Schotter. Was wäre eine anstrengende Wanderung ohne Einkehr auf der Alm?

Ein erhabenes Gefühl, das alles mit der eigenen Körperkraft zu meistern…

…Und sich dann mit Südtiroler Köstlichkeiten wie den typischen Schlutzkrapfen (das sind mit Spinat gefüllte, handgemachte Teigtaschen) oder Kaiserschmarrn zu belohnen. Lecker! Am nächsten Tag erwachen wir – mit dem Muskelkater unseres Lebens. Da hilft nur: Bewegung und eine heiße Dusche. Um 8.30 Uhr wartet Stefan Stuflesser auf uns. Sonnengegerbt, sehnig, dunkles mittellanges Haar, Anfang 50. Sein Gesicht ist jungenhaft, vielleicht die viele Bewegung an der frischen Luft? Mit dem Bergführer – sie nennen sich Catores, wollen wir den Gipfel des 1. Sellaturms besteigen. Das stolze Sellamassiv ragt in drei Spitzen auf, die aufgrund ihrer Form Türme genannt werden und bietet einen geradezu majestätischen Anblick. Es gibt in den Dolomiten zahlreiche Routen für jeden Geschmack und jedes Level. Ein Schnupperkurs kann einen Tag dauern oder eine Woche und kann individuell gestaltet werden.

Stefan bringt uns die Basics bei, und gesichert sind wir immer

Wir müssen lernen, wie man einen Stand auf einem Plateau löst und und dem Bergführer anschließend folgt. Länger braucht, wer selbstständig (meist zu zweit) klettern und die Techniken der eigenständigen Sicherung lernen will. Wir bekommen Kletterschuhe mit dünner griffiger Sohle, die wir aber erst am Einstieg anziehen. Die Wanderung durch Blumenwiesen auf einem einsamen Pfad, der stetig ansteigt, ist vielversprechend. Am Berg verlässt uns kurz der Mut – die Felswand schießt so senkrecht in den Himmel, dass es einen fröstelt.
„Los geht’s, von unten sieht es immer viel schlimmer und steiler aus. Auf dieser Tour sind wir niemals völlig ausgesetzt. Schaut, da wollen wir hoch,“ sagt er und zeigt zu unserem Entsetzen auf zwei winzige Playmobil-Menschen, die sich einen schmalen Grat in der Wand entlang hangeln. Bevor wir einknicken, holen wir tief Luft und konzentrieren uns auf jeden Schritt.

Wichtig auch: sich etwas trauen, es probieren. Die Angst überwinden

„Macht immer kleine Steps, wir begehen oft den Fehler, in großen Sätzen nach oben kommen zu wollen. Das ermüdet nur und macht den Weg schwerer. Mach dir außerdem bewusst, dass ich dich halte, es kann nichts passieren.“ Bei den ersten Metern bekommen wir immer wieder hilfreiche Regeln mit auf den Weg: immer gut schauen, dann erst steigen. Nicht stressen lassen. Sich fragen: Wo finden meine Füße Halt, wo finden sich gute „Griffe“ im Fels? Davon gibt es erstaunlich viele entlang der Routen. Wichtig auch: sich etwas trauen, es probieren. Und: Es geht nicht um Kraft beim Klettern (nur beim Free Climbing), sondern um Technik. Beruhigend auch, dass man durch Helm und Seile immer sicher ist. Stefan strafft das Seil, wenn man es losgemacht hat und er von oben ruft, dass man kommen soll. Man spürt, wie er einen schon nach oben zieht – würde man abrutschen, hängt man wie in einer Schaukel am Berg – und fällt nicht.

Es braucht seine Zeit, dieses Vertrauen zu schöpfen

Immer wieder muss man über seinen Schatten springen. Das Gefühl, sich zu überwinden und zu sehen, was möglich ist, setzt wahre Glücksgefühle frei. Auf dem Gipfel, wo der Wind kräftig an uns rüttelt und wir das Panorama genießen, fragt Stefan: „Würdet ihr es wieder tun?“ Ohne zu zögern antworten wir: „Ja, auf jeden Fall!“ Die halbe Strecke nach unten lassen wir uns sogar abseilen. Hätte einem das jemand prophezeit, dass man freiwillig rückwärts eine Felswand „hinab spazieren würde“, während man an einem Seil hängt! So aber spürt man nur das Adrenalin durch die Adern rauschen. Und einen inneren Frieden wie lange nicht mehr.

Mehr Infos:
Alle Informationen zur Region und Unterkünfte aller Kategorien findet man unter valgardena.it
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Enjoy every Bite.